Renaissance eines Rituals

Jugendweihen – so etwas gibt es auch in Westdeutschland? Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung beleben Familien mit ostdeutschen Wurzeln den Brauch zum Erwachsenwerden neu.

Text: Tomke Giedigkeit
Fotos: Kate Schultze

Von der Pfalz bis nach Berlin ist Jens Schlundt  mit seiner  Familie gefahren, damit sein ältester Sohn mit dem gleichen Ritual erwachsen werden kann, wie er selbst: Jugendweihe feiern. 650 Kilometer hin, 650 Kilometer zurück. Er selbst kommt aus dem Bezirk Köpenick, seine Frau aus Brandenburg. Heute, dreißig Jahre nach der Wende, wohnen sie im pfälzischen Eisenberg. Jugendweihen gab es hier lange Zeit kaum. Aber das ändert sich nun.

An diesem Tag im März ist sein jüngerer Sohn einer von 26 Jugendlichen, die den Seminarraum zum Knigge-Vorbereitungskurs für die Jugendweihe in Ingelheim am Rhein betreten. Es ist ein Samstagmorgen in Rheinland-Pfalz, ein schlichtes Seminargebäude, dritter Stock. Immer mehr Jugendliche werden von ihren Eltern gebracht. Sie kommen aus allen Teilen des Bundeslandes nach Ingelheim. Victoria und Yakira sind von hier. Sie sind in ihren Schulklassen die einzigen, die an einer Jugendweihe teilnehmen. In kleinen Gruppen stehen sie zusammen, manche schüchtern, manche verschlafen.

Die Jugendweihe-Teilnehmerinnen Yakira (l.) und Victoria in Rheinland-Pfalz. Foto: Kate Schulze

Yakira und Victoria sind in ihren Schulklassen die einzigen, die eine Jugendweihe feiern.

Victori und Yakira haben sich schräg gegenüber an den Tisch gesetzt. Sie sind beide 14, schon lange Freundinnen. Yakira ist in der Jugendfeuerwehr aktiv und auf dem Weg zu einer erfolgreichen Schützin. Victoria reitet und tanzt. Yakiras Kleid für die Jugendweihe wird lang und dunkelblau sein, Victorias kurz und rosa. Beide kennen die Jugendweihe von ihren Familien, die aus Ostdeutschland kommen. Das scheint alle Jugendlichen hier zu verbinden: Entweder stammt der Vater aus dem Osten, die Mutter – oder beide.

Die Jugendweihe hat in vielen Familien mit ostdeutschen Wurzeln Tradition
Vorbereitung auf die Jugendweihe im Knigge-Kurs. Foto: Kate Schu
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Vorbereitung auf die Jugendweihe im Knigge-Kurs.

Jetzt sitzen die zwölf Jugendlichen der ersten Gruppe um den Tisch verteilt, sechs Mädchen und sechs Jungen. „Warum ist es wichtig, sich bei der Jugendweihe besonders anzuziehen?“, fragt Andreas Eggert. Der Knigge-Trainer ist heute extra aus Bonn gekommen. Momentan ist die Regionalgruppe Jugendweihe Rheinland-Pfalz eine Elterninitiative. Diese wird bei Bedarf finanziell vom Verein Jugendweihe Mecklenburg-Vorpommern unterstützt. Viele der größeren ostdeutschen Jugendweihevereine helfen den neu aufgebauten Gruppen im Westen. Yakira sagt: „Die Jugendweihe ist nur einmal im Leben, deswegen zieht man sich da auch schöner an.“

Andreas Eggert hat verschiedene Krawatten mitgebracht. „Tut euch zu zweit zusammen, ein Junge, ein Mädchen bitte“. Gekicher im Raum. Der Knigge-Trainer nimmt das lange Ende der Krawatte zwischen Daumen und Zeigefinger und macht den einfachen Knoten vor. Zuerst sind die Jungs an der Reihe, danach die Mädchen. Für Eggert ist es wichtig, dass die Jugendlichen eine Idee davon bekommen, wie sie außerhalb des Elternhauses angemessen auftreten. Die eigene Körperhaltung, Smalltalk, das Siezen und Duzen in verschiedenen Situationen – auch das gehöre zur Vorbereitung auf die Jugendweihe. Eggert ist ein ruhiger Mensch, jemand, der gern mal sagt: „Du darfst auch kurz aufstehen.“

In Paaren sollen sich die Jungen und Mädchen gegenüberstellen und den anderen ins Gesicht schauen. Unterdrücktes Kichern. „Ihr macht das toll“, sagt Eggert. „Du lässt die Schultern ein bisschen hängen, das kannst du verbessern, in dem du sie leicht zurückziehst“, sagt er zu einem Jungen. „Yakira hat das Gewicht auf nur ein Bein verlagert, die Arme hängen locker herunter und sie hält Augenkontakt“, sagt der Junge lobend, der Yakira gegenübersteht. „Sehr gut“, erwidert Eggert.

Jugendweihen werden in Westdeutschland beliebter

Ohne Kirche und ohne Gott erwachsen werden – in Ostdeutschland ist das populärer als in Westdeutschland. Etwa die Hälfte aller Achtklässler nimmt dort an einer Jugendweihe teil. Seit einigen Jahren steigt die Teilnehmerzahl auch in Westdeutschland. So ist die Gruppe in Nordrhein-Westfalen von fünf im Gründungsjahr 2005 auf mittlerweile 60 Jugendliche gestiegen. Nahmen in Baden-Württemberg bei der ersten Feierstunde im Jahr 2004 nur acht Jungen und Mädchen teil, sind es inzwischen 120. In Bayern sind es innerhalb von sechs Jahren statt 16 jetzt 120.

50 Prozent

der Achtklässler feiert in den neuen Bundesländern die Jugendweihe – manchmal auch schulklassenweise. Dazu kommen in einigen Städten Jungen und Mädchen, die an humanistischen Jugendfeiern teilnehmen.

1989

beschlossen viele Humanisten und Freidenker-Verbände noch vor dem Fall der Mauer, die Jugendweihe in Jugendfeier umzubenennen. Daher kommt die heutige Unterscheidung zwischen Jugendweihen und den Jugendfeiern der Humanisten.

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Jugendliche haben sich 2020 für ihr Fest bei den größeren Jugendweihe-Vereinen in Westdeutschland angemeldet. Diese wurden erst nach der Wende gegründet. Die Humanisten bieten Feiern zum Erwachsenwerden schon seit über 100 Jahren – oft sind es eher kleine Gruppen. Ein Sonderfall ist Hamburg mit aktuell 370 Teilnehmern.

Was es heißt erwachsen zu sein

Die Jugendweihe ist ein weltlicher Weg, dem oft schwierigen Prozess des Erwachsenwerdens einen Rahmen zu geben. Für die meist 14-Jährigen ist die Feier ein Zeichen, dass die Kindheit zu Ende geht. Dass sie selbstständiger werden und mehr Verantwortung tragen. Die Vorbereitungskurse sind freiwillig, die Themen haben sie sich selbst überlegt: Victoria und Yakira finden es wichtig, sich mit den Naziverbrechen zu beschäftigen. Deshalb haben sie eine KZ-Gedenkstätte besucht. Damit sie besser verstehen, wie Politik funktioniert, waren sie im Mainzer Landtag. Und wie sie sich später bei einem Vorstellungsgespräch in einer Firma oder bei Essenseinladungen verhalten sollen, lernen sie im Knigge-Kurs. Es ist das, was sie glauben, das zum Erwachsenenkanon gehört. Eggert sagt: Auch Smalltalk ist wichtig.

Er nimmt sich einen freien Stuhl und setzt sich neben Victoria. Sie soll ein Gespräch beginnen. Victoria überlegt kurz, rückt ihren Stuhl zurecht und schaut ihm direkt in die Augen.

Victoria fragt: „Sie haben zu Anfang erzählt, dass Sie früher bei der Bundeswehr waren. Warum?“

Eggert antwortet: „In meinem ersten Beruf als Koch hab ich nicht viel verdient. Die Arbeit bei der Bundeswehr hat mir Spaß gemacht. Auch die militärische Ordnung und Gehorsam haben mich angesprochen.

„Welchen Rang hatten Sie?“

„Ich war zum Schluss Oberstabsfeldwebel.“

„Jetzt wollen Sie im sozialen Bereich arbeiten. Was genau?“

„Also, ich möchte gerne mit eingeschränkten Menschen oder Menschen mit Behinderungen arbeiten. Und weil ich die Bundeswehr aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung verlassen habe, möchte ich jetzt Menschen etwas wiedergeben.“

Victoria fällt keine Frage mehr ein. Sie starrt auf ihre Hände, die anderen schauen sie an. 

Stille. 

Andreas Eggert tut nichts. Er wartet. Da entschließt sic Victoria doch noch zu einer Nachfrage. „Ich habe nicht genau verstanden, warum Sie die Bundeswehr verlassen haben, können Sie es erklären?“

Eggert antwortet: „Ich habe bei Auslandseinsätzen Dinge erlebt, die mich nicht mehr loslassen. Ich kann nicht mehr schießen, ich kann nicht mehr in der Versorgung von Verwundeten arbeiten. Und das hat mich dazu bewegt, einen Neustart zu machen“.

Als die Übung vorbei ist, sagt Eggert: „Fragen stellen ist oft schwieriger als antworten.“

Pause.

Jugendweihe-Teilnehmer in Rheinland-Pfalz. Foto: Kate Schultze

Irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsensein: Die Jugendweihe-Teilnehmer in Rheinland-Pfalz.

Jugendweihe oder Konfirmation?

Während in Ostdeutschland häufig ganze Schulklassen gemeinsam die Jugendweihe feiern, ist dies in vielen Orten Westdeutschlands immer noch etwas Besonderes. Bei der 14-jährigen Yakira gaben die Eltern den Ausschlag. Marius Klein, Yakiras Vater, ist in Karlsruhe aufgewachsen und entschied sich mit 14 Jahren für die Konfirmation. Die Jugendweihe lernte er erst durch seine ostdeutsche Frau kennen, die dieses Fest vor zwanzig Jahren in der Nähe von Cottbus feierte. Jugendweihe? Er selbst wusste nicht, was das sein soll, also recherchierte er im Internet und stieß auf die gerade 2019 gegründete Jugendweihegruppe Rheinland-Pfalz.

Warten auf das Fest: Jugendweihe-Teilnehmerin Yakira hat sich für ihre Feier in Rheinland-Pfalz ein blaues Kleid ausgesucht. Foto: Kate Schultze
Warten auf das Fest: Yakira hat schon das passende Kleid gefunden.

Seine Tochter sollte sich frei entscheiden können. Yakira war für die Jugendweihe, wie ihre Mutter damals in Brandenburg, zehn Jahre nach der Wende. Denn Religion spielt für sie keine Rolle. Sie sagt: „Die anderen haben Konfirmation und Kommunion, und ich wollte auch etwas haben, um den Einstieg ins Erwachsenenleben zu feiern“. Dabei glaubt Yakira: Durch die Feier wird sich nicht viel in ihrem Leben verändern. Sie ist überzeugt: Erst mit 18 ist sie wirklich erwachsen.

Im Seminarraum sollen Yakira, Victoria und die anderen die Tische nach den Knigge-Regeln für das Mittagessen eindecken. Yakira legt zwei Messer und einen Löffel rechts neben einen Teller, sodass die Schneiden nach innen zeigen, die Gabeln für den ersten und zweiten Gang auf die linke Seite – eine Daumenbreite Abstand zum Teller. Andreas Eggert ist zufrieden.

Die zweite Gruppe kommt hinzu. Ein Junge wird zum Gastgeber ernannt. Alle anderen bleiben hinter ihren Stühlen stehen. „Danke, dass ihr alle da seid“, sagt der Junge. „Das war kurz und knapp“, sagt Andreas Eggert und prostet ihm zu. „Genau so nicht“, sagt der Knigge-Trainer. „Man schaut sich in die Augen dabei!“. Die Gläser klirren. Dieses Mal haben sich ihre Blicke getroffen.

Noch müssen sie vielen erklären, was sie eigentlich feiern

Noch müssen die Jugendweiheteilnehmer aus Rheinland-Pfalz vielen erklären, was sie da eigentlich feiern, den Schulfreunden, den Großeltern, den Nachbarn. Das Vorurteil, die Jugendweihe sei eine reine DDR-Tradition, hält sich in den Köpfen vieler Menschen. Dabei wurde die erste Jugendweihe schon 1852 gefeiert – durch den Prediger Eduard Baltzer im thüringischen Nordhausen. Ein zunächst noch religiöser Akt. Um die Jahrhundertwende wurde die Jugendweihe im Arbeitermilieu immer beliebter. Die DDR wollte mit der Jugendweihe einen Gegenpol zu Konfirmation und Firmung schaffen. Nun ging damit ein Gelöbnis auf den Sozialismus einher. Wer die Teilnahme verweigerte, musste mit einer unattraktiven Lehrstelle oder mit Studienverbot rechnen. Trotzdem blieb die Jugendweihe in der DDR für viele Menschen vor allem eine Familienfeier.

In großen Teilen Westdeutschlands hingegen kam die Jugendweihe lange Zeit nicht meh richtig an – auch, weil diese Feier bei manchen nun als ein Ritual des Kommunismus galt. Im Jahr 1989, noch vor dem Fall der Mauer, entschieden sich viele freidenkerische und humanistische Verbände im Westen dazu, die Jugendweihe in Jugendfeier umzubenennen. Das war der Versuch, die DDR abzuschütteln, sich von der traditionellen Bindung an die Arbeiterbewegung zu lösen und deutlich zu machen: die Jugendlichen werden gefeiert, nicht geweiht. Offenbar mit Erfolg: In Berlin zum Beispiel bieten sie Jugendfeiern nach humanistischem Weltbild inzwischen für jährlich 2.000 Jugendliche an.

Dennoch gilt generell: Heute sollen Jugendweihen und Jugendfeiern eine unpolitische Entscheidung sein.

Jugendweihe-Teilnehmerin Yakira mit ihrem Kleid. Foto: Kate Schultze

„Alle haben Konfirmation oder Kommunion und ich wollte auch etwas haben, um den Einstieg ins Erwachsenenleben zu feiern“

Yakira, 14 Jahre

Bis sich Yakira und Victoria feiern lassen, gibt es für sie noch viel zu tun. Schuhe kaufen, einen Friseurtermin vereinbaren, Einladungskarten schreiben. Victoria arbeitet an der Rede, die sie mit einem anderen Jugendlichen vor allen Gästen halten wird. Es geht ihr auch darum, den Eltern zu danken. Musik wird gespielt werden, und jeder Jugendliche wird eine Urkunde überreicht bekommen. Wann das große Fest stattfinden wird, ist wegen der Coronakrise noch unklar. Aber wenn es soweit ist, wird Jens Schlundt für die Jugendweihe seines jüngeren Sohns keine Reise bis nach Berlin antreten müssen. Dieses Mal fahren die Verwandten 650 Kilometer in die Pfalz, denn Jugendweihe können sie nun auch hier feiern.

Interview: Drei Fragen an… Manfred Isemeyer

Forscher, Autor und aktuell Vorsitzender der Humanismus Stiftung Berlin

Humanist Manfred Isemeyer

Der Humanist und Historiker erklärt, wo die Jugendweihe ihren Ursprung hat und warum viele Humanisten das Ritual heute nicht mehr Jugendweihe nennen wollen.

Wie kommt es, dass heute immer noch viele die Jugendweihe mit der DDR verbinden?

Die Jugendweihe war in Deutschland ein Minderheitenphänomen. In der DDR wurde Jugendweihe zu einem massenpolitischen Ereignis und hat Generationen beim Erwachsenwerden begleitet. Bereits Mitte der 50er-Jahre etablierte die DDR-Führung die Feier als ein Gegengewicht zur kirchlichen Kommunion und Konfirmation. Ziel war, die Jugendlichen auf Staat und den Sozialismus zu verpflichten.

Wer die Teilnahme verweigerte, lief Gefahr, eine unattraktive Lehrstelle zu erhalten oder den erwünschten Studienplatz nicht zu bekommen. Für viele DDR-Bürger war die Jugendweihe jedoch vorrangig ein Familienfest. Wichtig ist festzustellen: Die DDR-Jugendweihe hatte mit der eigentlichen Tradition der Freidenker wirklich nichts zu tun.

Und wo hat die Jugendweihe ihren Ursprung?

Mitte des 18. Jahrhunderts schufen von den christlichen Kirchen abgespaltene Gemeinschaften ein eigenes Ritual zum Erwachsenwerden. Die erste Feier mit dem Titel Jugendweihe gab es in einer freireligiösen Gemeinde 1852 in Nordhausen, im heutigen Thüringen. Freidenker und Sozialdemokraten haben die Jugendweihe unter den damaligen Industriearbeitern, die mit der Kirche gebrochen hatten, popularisiert. Die Jugendweihe entwickelte sich dadurch zu einem weltlich-humanistischen Ritual.

Für was steht Jugendweihe heute?

Der nach der Wende gegründete Verein Jugendweihe Deutschland führt gegenwärtig die meisten Veranstaltungen durch, die weltanschaulich offen sind. Die humanistischen Verbände haben sich 1989, noch vor dem Fall der Mauer, für eine Begriffsänderung entschieden: Die Feste, die eine humanistische Lebensauffassung vermitteln, nennen wir nicht mehr Jugendweihe, sondern Jugendfeier. Damit grenzten wir uns von der DDR-Jugendweihe ab. Ich denke, dieser neue Name wird sich mittelfristig durchsetzen.

Tomke Giedigkeit

Tomke Giedigkeit

Kate Schultze

Kate Schultze

Tomke Giedigkeit hat von Jugendweihe zum ersten Mal während ihres Studiums in Dresden gehört. Nun sprach sie mit Experten, analysierte Teilnehmerzahlen von 30 Vereinen. Mit Kate Schultze begleitete sie eine Jugendweihe-Gruppe zum Knigge-Kurs. Dort konnten sie ihre eigene Etikette auffrischen.