Hauptsache raus!

Vom Todesstreifen zur Lebenslinie – für Mario Goldstein ist die ehemalige innerdeutsche Grenze, das Grüne Band, beides. Einst versuchte er die Flucht über die Tschechoslowakei, heute findet er beim Wandern zu sich selbst.

Von oben ist erkennbar: Das Grüne Band ist kein normaler Wanderweg. Es war mal eine Grenze.

Text: Simon Rustler
Fotos: Isabelle Östlund

Durch Deutschland zieht sich eine Linie, deren  Bedeutung auf den ersten Blick kaum jemand wahrnimmt. 1.393 Kilometer ist sie lang. Sie führt durch entlegene Wälder, an Feldern und kleinen Straßen vorbei. Es ist nicht einfach, diese Linie überhaupt zu entdecken. Zu DDR-Zeiten standen hier Selbstschussanlagen, Wachtürme und Stacheldrahtzäune. Heute ist nur eines zu sehen: der alte Kolonnenweg. Neben die Betonplatten, die in den Boden eingelassen wurden, damit die Grenzsoldaten hier besser fahren konnten, wird schon lange kein Unkrautvernichter mehr gesprüht. Seit 30 Jahren wird die Natur weitestgehend sich selbst überlassen. Wo früher die innerdeutsche Grenze war, ist heute das Grüne Band Deutschlands. Halb Wanderweg, halb Naturschutzgebiet.

Bei Mödlareuth: Betonplatten markieren das Grüne Band besser als es Wanderschilder könnten.

In der Nähe seines südlichsten Punktes, des Dreiländerecks Bayern-Sachsen-Tschechien, lebt der 50-jährige Mario Goldstein, der eine schicksalhafte Verbindung zur ehemaligen innerdeutschen Grenze hat. Er ist von Beruf eine Mischung aus Abenteurer und Eventmanager und hat sich im Vogtland, in Plauen, niedergelassen. Dort wohnt er nur mit Sunny, seiner Schweizer Schäferhündin. Das Wort niederlassen passt nicht wirklich zu seinem Leben, denn er wollte immer reisen, auch als er noch Bürger der DDR war. Er lebte in einem Land, das seinen Bewohnern den Weg nach Westen versperrte, und so wuchs in ihm der Wunsch, frei zu sein und die Welt zu erkunden. Nach der Wende befuhr er auf einem Floß den Yukon River von Kanada bis in die Bering-See in Alaska, er fuhr mit einem als Reisemobil umgebauten Wasserwerfer bis zum Dalai Lama in Indien und wanderte in etwa 100 Tagen das gesamte Grüne Band entlang. Mit seinem Rucksack, einem Zelt und Hündin Sunny. Die Reise führte ihn in seine eigene Vergangenheit.

Mario Goldstein in seinem Wanderoutfit. Mit Hündin Sunny ist er das gesamte Grüne Band abgelaufen.

Wer Mario Goldstein treffen möchte, kommt zu ihm in sein Büro ins sächsische Plauen. Holzvertäfelung im Eingangsbereich, ein goldenes Klingelschild – wer darauf drückt, wird durch Hundegebell auf Sunnys Hoheitsgebiet hingewiesen. Von hier aus organisiert Goldstein Veranstaltungen übers Reisen und verkauft seine Bücher. Vorträge, Slideshows, Seminare. So erfolgreich, dass er mittlerweile sogar Angestellte hat. Im Vorraum des Büros stehen zwei Sofas, auf dem Tisch sind noch Reste von Räucherstäbchen zu erkennen. An einer Seite des Raums hängt ein wandfüllendes orientalisches Tuch, auf dem ein roter Baum mit vielen Verzierungen zu sehen ist, an der anderen Wand ein schlichtes Bild: ein einsames Boot auf spiegelglatter See. Mario Goldstein hat sich sein Fernweh nach drinnen geholt.

„Das war so eine Pilgerreise zu mir selber, die so nicht beabsichtigt war.“

Mario Goldstein

Die Geschichte beginnt im August 1988. Mario Goldstein ist 18 Jahre alt – endlich alt genug, um einen Ausreiseantrag bei der Abteilung für innere Angelegenheiten in der sächsischen Stadt Oelsnitz, seinem damaligen Wohnort, zu stellen. Er hat bereits einen kurzen Gefängnisaufenthalt hinter sich, weil er im Alter von 15 Jahren Fluchtgedanken äußerte. Jetzt plagt ihn das Fernweh noch stärker. Er will die Welt sehen. Für seine Lehrer ist das ein Schock: Nach abgeschlossener Maurerlehre soll er Bautechnik studieren. Doch das bedeutet den Eintritt in die SED und drei Jahre Armeedienst. Für ihn undenkbar.

Flucht ins Ungewisse
Dieser Wald um den Kolonnenweg existierte zur Zeit des Eisernen Vorhangs nicht. Heute kann er sich ungestört entfalten.

Der Ausreiseantrag jedoch wird erst hinausgezögert, im Rathaus von Oelsnitz erhält er dann die Ablehnung, ohne Begründung. Danach fasst Goldstein einen Plan: Er wird  versuchen zu fliehen. Das Ziel sei nicht vorrangig die Einreise in die Bundesrepublik gewesen, sagt er heute, sondern die Ausreise aus der DDR. Hauptsache raus, egal wohin. Seine Mutter weiht er ein – sie unterstützt ihn, auch mit der Angst, ihr Kind nie wiederzusehen. Gemeinsam mit einem Freund reist Goldstein in die Tschechoslowakei, nah an die Grenze, auf der anderen Seite beginnt der Westen. Österreich. In der tschechoslowakischen Stadt Břeclav, keine fünf Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt, zelten die beiden auf einem Campingplatz, ziehen sich schwarze Kleidung an und warten auf die Nacht. So erzählt es jedenfalls Mario Goldstein. Die Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Österreich eignet sich besser für eine Flucht als die innerdeutsche Grenze. Hier gibt es kein kilometerweites Sperrgebiet, das nur mit Sondererlaubnis betreten werden darf. Hier können die beiden Jungs bis zum Zaun laufen.

Das ETZ 250 Motorrad – mit einem ähnlich Modell hat Goldstein seine Flucht angetreten. Foto: Zoonar/Anne Miersch

Mit einem Seitenschneider durchtrennt er den Stacheldraht. Sofort schalten sich Flutlichter an, der Alarm ist ausgelöst und tschechoslowakische Grenzsoldaten machen sich auf den Weg. Goldstein, so schildert er das, rennt mit seinem Freund über den Schutzstreifen, sie hören ihre Verfolger und das Bellen der Hunde. Sie schaffen es bis zu einem weiteren Wall aus Stacheldraht, dem allerletzten Zaun vor Österreich. Dort verheddern sie sich und werden von den Verfolgern gestellt. Die Flucht ist missglückt.

Als Gefangener wird Goldstein in die DDR zurückgeführt – mit einem Flugzeug. Es ist seine erste Flugreise, eine mit Fensterplatz. In Handschellen habe er dort gesessen, sagt er heute, neben ihm ein Mann von der Staatssicherheit. Er kommt ins Gefängnis nach Chemnitz. Verurteilt zu zwanzig Monaten Haft, von denen er nur sechs Monate absitzen wird. Er erlebt noch den Jahreswechsel zum Schicksalsjahr 1989 hinter Gittern, um dann unvermittelt, am 27. Februar, die wichtigste Urkunde seines Lebens zu erhalten: seine  Entlassung in die Bundesrepublik. In Gießen in Hessen wird ihm offiziell erklärt, was passiert ist: Er wurde von der Bundesregierung freigekauft, für 16.000 Mark. Er ist frei und erlebt den Fall der Mauer von der anderen Seite.

Da kommst du automatisch zu dir selbst

An einem Tag im Juli 2016 stellt sich Mario Goldstein einem Experiment: Er will an dieser verhassten Grenze entlang laufen. Wie wirkt sie heute auf ihn? In Thüringen startet er seinen Fußmarsch Richtung Norden. Er sagt heute: „Am Grünen Band sind verhältnismäßig wenig Leute. Das war so eine Pilgerreise zu mir selber, die so nicht beabsichtigt war, aber es hat sich so entwickelt, weil ich alleine gelaufen bin.“

Eigentlich organisiert Mario Goldstein in Plauen unter dem Namen „Freiträumer“ Veranstaltungen übers Reisen.

Den wichtigsten Ort seiner Flucht, die Stelle, an der er damals von der DDR in die Tschechoslowakei lief, hat er nicht wiedergefunden. Zu viel hat sich inzwischen verändert. Durch seine Wanderung ist Goldstein aber Botschafter des Grünen Bandes geworden, er wirbt dafür. Naturschutzverbände laden ihn ein, um vom Band zu berichten. Er hält sogenannte Multivisionshows, in denen er Interviews, Fotos und Videos von seiner Reise zeigt. Das Grüne Band sei wie eine Autobahn für die Natur. Luchse und Wölfe sollen dort gerne entlang laufen, um schnell voranzukommen. Goldstein glaubt, dort auch mal den Kot eines Wolfes entdeckt zu haben – „Scheißehaufen“, wie er grinsend sagt.

Im März dieses Jahres ist er schon wieder unterwegs auf dem Grünen Band im Vogtland. Man hört Mario Goldstein schon von weitem. Es macht immer wieder klack. Das ist der Klang seines Wanderstocks auf dem ehemaligen Kolonnenweg. Die metallene Spitze des Stocks ist inzwischen abgestoßen, der Stock hat 1.393 Kilometer hinter sich. Er war vom ersten Kilometer an dabei und wird ihn immer an die Reise erinnern.

Neben ihm läuft die Hündin Sunny. Ihre Leine hat Goldstein um seinen Oberkörper gelegt, so hat er die Hände frei. Regen peitscht ihm ins Gesicht. Sein Umhang und sein Hut schützen ihn vor dem Wetter. Plötzlich bleibt er stehen und schweigt. Er schaut nach oben, in die Kronen der Bäume. Sie verdunkeln den Himmel. Dichtes Moos überzieht den Boden. Der Regen hat aufgehört. Nur ein paar Vögel sind zu hören und das Rauschen des Tannbachs, der einst die DDR-Grenze markierte. „Wenn du das den ganzen Tag um dich hast, dann kommst du automatisch zu dir selbst“, sagt Goldstein.

Er hat nur eine kleinen Abschnitt des Grünen Bandes hinter sich, um dem Reporter einen Eindruck davon zu vermitteln, aber schon jetzt wächst wieder seine Sehnsucht, sich auszuprobieren. Er würde gern das ganze Band noch einmal laufen, die ganze Länge von Norden nach Süden, weil es so schön sei, so einmalig. Er spricht darüber wie über einen geliebten Menschen.

Simon Rustler

Isabelle Östlund

Um sich dem Grünen Band zu nähern, zoomte Simon Rustler zuerst in eine Google-Maps-Karte. Dort sind die charakteristischen zwei Betonstreifen des Kolonnenwegs gut zu sehen. Er und die Fotografin Isabelle Östlund sind darauf aber nicht mit dem Auto gefahren – hier soll ja Natur geschützt werden.