„Der Westen wird sich dem Osten angleichen“

Interview: Anna Bayer und Jann-Luca Künßberg
Foto: Edgar Rodtmann

Der Zukunftsforscher Daniel Dettling hält die Labels Ost und West für bald überholt. Er glaubt, dass andere Werte zählen werden.

Werden wir im Jahr 2050 noch über die Deutsche Einheit sprechen? 

Die Deutsche Einheit wird dann eher etwas für Historiker sein. Wir werden ein Deutschland haben, in dem nicht mehr zwischen Ost- und Westdeutschland unterschieden wird. Einheit wird eine Selbstverständlichkeit sein, wir sind dann eher Brandenburger, Bayern, Baden-Württemberger und Europäer. 

Ist Einheit in Zukunft dann überhaupt der richtige Begriff? 

Ich glaube, das ist der falsche Begriff, wenn wir über Deutschland in 30 Jahren nachdenken. Einheit suggeriert ja, dass wir einen Status erreichen werden, den es früher schon einmal gegeben hat. Und ein solches Szenario tritt eigentlich nie ein. Zukunft verhält sich immer anders als die Vergangenheit. Vor allem sind die Verläufe, was emotionale, psychologische Entwicklungen angeht, überhaupt nicht linear. Es entsteht eher etwas Neues, ein Hybrid. 

Und wie sieht dieses Neue aus? 

Wir Zukunftsforscher sprechen immer gerne von Megatrends. Und wir beobachten einen, der 2050 längst Realität sein wird: die Synthese von Globalisierung und Lokalisierung – die sogenannte Glokalisierung. Kleinere Einheiten werden aufgewertet, der ländliche Raum, die Kom- munen, die Regionen. Die Leute sehen sich dann eher als Lausitzer und Franken und Eifler denn als Deutsche, Westdeutsche oder Ostdeutsche. 

Heißt das im Umkehrschluss, dass Kommunalpolitikeine größere Verantwortung bekommen wird?

Genau. Die Kommunalpolitik wird aufgewertet. Der Nationalstaat spielt dann nur noch eine Rolle, wenn es darum geht soziale Gerechtigkeit herzustellen. Ansonsten geht vieles entweder in Richtung Europa auf, zum Beispiel die großen Fragen des Klima- oder Pandemieschutzes;
die sogenannten kleinen Fragen gehen dann Richtung Kommunen. Die werden mehr Möglichkeiten haben zu experimentieren, eigene Steuern zu erheben oder Ansiedlungspolitik zu machen. 

Haben Sie ein konkretes Beispiel? 

In der Migrationsfrage vor fünf Jahren haben viele Kommunen in den neuen Bundesländern gesagt, sie würden gerne mehr Flüchtlinge aufnehmen, als sie zugewiesen bekamen, weil sie die einfach brauchten, um Orte am Leben zu halten. Das war aber gar nicht so einfach. Künftig könnten Kommunen so etwas komplett selbstständig entscheiden, denn der Trend geht hin zu finanzieller Eigenständigkeit. Wir leben 2050 in einem Deutschland und Europa der Regionen. Landkreise und ihre Kommunen haben ähnliche Kompetenzen wie die Bundesländer und können vor Ort autonomer agieren, angefangen von den Schulen bis hin zu Steuern. Sie könnten etwa direkt mit der Europäischen Union interagieren, Verträge direkt mit der EU machen, ohne über die Bundes- oder Landesregierung gehen zu müssen. Das bietet ganz neue Chancen. 

Wenn sich alles ins Regionale aufteilt und daraus entsprechende Identitäten ableiten, was hält dann die Gesellschaft in 30 Jahren zusammen? 

Das wird die sogenannte Einheit in der Vielfalt sein. Dass man trotz Vielfalt gemeinsame Visionen hat. Fragen wie: Wo wollen wir eigentlich hin? In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Konkret zum Beispiel: Soll die Herkunft über die Zukunft entscheiden, wie das teilweise heute der Fall ist? Allein diese Frage eint die Leute. 

Und was spaltet die Gesellschaft? 

Materielle Umverteilungsfragen werden nicht mehr die Bedeutung haben wie heute. Es wird um kulturelle Fragen gehen, um Identität, um Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit. Der Bürger im Thüringer Land wird sich mit den Städtern in Jena oder Erfurt vergleichen und fragen: Wieso bekommen die dort mehr Kitas und schöne Straßen, und unsere Region wirkt abgehängt? Die große soziale Frage der Zukunft ist weniger die zwischen Ost und West, sondern die zwischen urbanen und ländlichen Räumen. Dieser Trend deutet sich heute bereits an. 

Was passiert mit der Forderung nachgleichen Lebensverhältnissen in Ost- und Westdeutschland?

Diese Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse hat es ja nie gegeben. Die Thüringer haben beispiels- weise eine höhere Kaufkraft als die Bürger in Nord- rhein-Westfalen. Das hängt sehr von regionalen Gegebenheiten ab, von daher kann man das kaum vergleichen. Diese Angleichung der Lebensverhältnisse ich glaube nicht, dass das die Menschen interessiert, die sind da schon weiter.  

Aber es gibt ja Unterschiede, über die gesprochen wird. 

Es werden andere Themen relevant sein. Im Schnitt sind die Ostdeutschen laut Glücksatlas heute fast genauso glücklich wie die Westdeutschen, es hat da eine unglaubliche Angleichung gegeben. Die Geburtenrate ist in den neuen Bundesländern zurzeit sogar höher als in den alten. Ich gehe davon aus, dass sich der Westen eher dem Osten angleichen wird. 

Dabei galt doch lange das Credo: Der Osten versucht sich an den Westen anzugleichen. 

In 30 Jahren werden andere Faktoren wichtiger sein, das zeichnet sich heute schon ab. Glücksfaktor, Geburtenrate, Gleichheit der Geschlechter – da ist der Osten wesentlich weiter. Auch auf politischer Ebene, was etwa die Zahl der möglichen Koalitionen angeht, da wird es eine Angleichung im Westen geben. Es lässt sich dann auch gar nicht mehr sagen: Der ist Westdeutscher und der ist Ostdeutscher. Es wird viele gemeinsame Hochzeiten, gemeinsame Familien geben. 

Dennoch gibt es nach wie vor eine gedankliche Aufteilung zwischen Ost und West. Denken Sie, dass diese Aufteilung in30 Jahren überwunden sein wird?

Es gibt ein Szenario, in dem Ostdeutschland sich politisch vom Rest der Bundesrepublik abgrenzt. Es könnte schon sein, dass sich die neuen Bundesländer, die als einzelne im Föderalstaat eher schwach sind, verbünden. Anhaltspunkte dafür liefern die sehr bunten Koalitionen, die es dort in den nächsten Jahren geben wird. Ich halte auch eine Koalition der CDU mit der Linkspartei in naher Zukunft für sehr wahrscheinlich. Der Osten hat dem Westen das lagerübergreifende, pragmatische Den ken voraus. Es könnte also gut sein, dass sich beispielsweise Sachsen und Thüringen mit Brandenburg verbinden und sagen: „Wir treten jetzt stärker auf als Lobby und versuchen, Brüssel oder Berlin gegenüber selbstbewusster zu agieren.“ Dann können Überbleibsel vom Denken in Ost und West bleiben. 

Daniel Dettling arbeitet in Berlin für das Zukunftsinstitut. Für den Thinktank analysiert er, wie sich Politik, Gesellschaft und Wirtschaft en wickeln werden.

Daniel Dettling arbeitet in Berlin für das Zukunftsinstitut. Für den Thinktank analysiert er, wie sich Politik, Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln werden.