„Kann dieser Doktor helfen?“

In der DDR verlor der Arzt Ravindra Gujjula seinen Job, weil er das System kritisierte. Nach der Wende stürzte er sich in die Politik.

Text: Tobias Hausdorf
Fotos: Joris Felix

Ravindra Gujjula parkt seinen schwarzen Mercedes an seinem Stammplatz im Hof des Rathauses, auf der Nummer eins. Dabei ist er schon lange nicht mehr der Bürgermeister hier in Altlandsberg. Durch die Hintertür geht er ins Rathaus. Stuck, hohe Decken, pastellgrüne Wände. Im Erdgeschoss schließt er die Tür zu seiner Praxis auf, die er als Arzt für Innere Medizin seit etwa 30 Jahren führt. Es ist 8 Uhr früh in Altlandsberg, einer brandenburgischen Stadt östlich von Berlin, die etwa so groß ist, wie sie klingt. Knapp 9.500 Einwohner. Der 65-jährige Ravindra Gujjula hat noch nicht gefrühstückt, aber er muss schon drei Menschen dringend anrufen.

Er setzt sich auf seinen Ledersessel, der in der Höhe des Kopfes abgenutzt ist, und lehnt sich nach vorn. Auf dem Schreibtisch ein Drachenbaum, das Plastikmodell eines menschlichen Herzens und ein Bär aus Schokolade.

Erster Anruf, beim Bürgermeister: Noch nicht da, also auf dem Handy. „Hallo Arno, hast du gleich zehn Minuten für mich? Okay, 8:30 Uhr bin ich oben bei dir.“
Zweiter Anruf: Er sucht einen Betriebsarzt für seine Angestellten. Mit dem letzten war er nicht zufrieden.
Dritter Anruf: Jobvermittlung für eine 60-jährige Frau. Er fragt eine Bekannte, ob sie vielleicht eine Stelle habe.
Gujjula, mit grauem Haarkranz, das Hemd in die Jeans gesteckt, wirkt wie einer, der in To-Do-Listen denkt. Eins nach dem anderen. Check.

Drei Bitten und ein Deal
Landarzt und Lokalpolitiker: Wer Sorgen hat, vertraut sie Gujjula an.

8:40 Uhr. Gujjula geht etwa 60 Schritte, dann betritt er das Büro, das einmal seines war. Genau über seiner Praxis liegt das Zimmer des Bürgermeisters. Arno Jaeschke, in schwarzem Anzug und Krawatte, setzt sich mit Gujjula an einen schweren Holztisch. Darauf liegen Akten und Papiere, auf einer Anrichte ein Kaffeeservice mit Goldrand, an den Wänden einige Karten, die von der Sonne ausgeblichen wurden.

„Ich habe drei Bitten“, sagt Gujjula. Er legt sein Handy, die Auto- und Türschlüssel nebeneinander auf den Tisch, als wolle er damit seine Tagesordnungspunkte markieren. Erster Punkt: Er hat Zettel zum Coronavirus an die Türen seiner Praxis aufgehängt, mit Telefonnummern. „Ick hab se noch nich jelesen“, sagt der Bürgermeister. An diesem Tag im März ist Deutschland damit beschäftigt, sich oft die Hände zu waschen und Veranstaltungen mit mehr als Tausend Personen abzusagen. Verbote, Ausgangssperren und Grenzschließungen sind zu diesem Zeitpunkt noch Zukunft. Gujjula will weitere Zettel ausdrucken und im Rathaus anbringen. Der Bürgermeister ist einverstanden.

Zweiter Punkt: Desinfektionsmittel im Foyer an der Treppe. „Haben wir einen Aufsteller dafür?“ Nur in den Toiletten sind Spender. Gujjula will die Apotheke anrufen und eine Lösung finden. „Dit können wa so machen“, antwortet der Bürgermeister.

Für den dritten Punkt hat Gujjula die Arme verschränkt, dann tippt er mit dem Zeigefinger auf den Tisch. Beim sogenannten Sattelfest Ende April, bei dem in Altlandsberg traditionell „angeradelt“ wird, werden wohl wieder Hunderte Gäste mit dem Fahrrad auftauchen. „Meine Frage und Bitte, das einfach abzusagen. Was denkst du darüber?“ Der Bürgermeister lehnt sich zurück, spricht über die Spanische Grippe, bei der vor hundert Jahren Millionen Menschen starben. Dann kommt er auf die Coronavirus-Patienten in der Umgebung. „Dit kriegen wa nich jehalten. Meine Tendenz: dit Fest absagen.“

Ravindra Gujjula weiß, wie man Druck ausübt: Er saß selbst einmal dort, wo jetzt Bürgermeister Arno Jaeschke sitzt.

Als sei es ihm gerade eingefallen, will Gujjula noch etwas klären, nun, da das Tagesaktuelle besprochen ist. Er erinnert den Bürgermeister ans Geld, die Verabschiedung des städtischen Haushalts. Er habe da noch ein paar Bitten, und so bestimmt, wie er sie formuliert, ist klar, dass diese Bitten Forderungen sind. Zunächst: der Ausbau einer Straße. Der Bürgermeister verspricht: „Dieses Jahr“. Gujjula: „Zeitangabe?“ Dann: die Sanierung der Friedhofskapelle und der Weg dorthin – unbedingt rollstuhlgerecht. „Du hast es jedes Jahr versprochen und nicht gemacht. Das sind meine Bitten, dann stimme ich für den Haushalt.“

Dass wir, ein Reporter und ein Fotograf, dabei sind, kommt ihm entgegen. Denn der Bürgermeister wird dabei beobachtet, ob er sich festlegt – oder ob er zögert. Der sagt: „Wir müssen das unbedingt dieses Jahr gestalten, sonst nehmen uns das die Leute übel.“ Gujjula nickt zufrieden, als habe er wieder etwas für seine Stadt erreicht. 

Mit 19 ging Gujjula in die DDR

Der Arzt hat gelernt, wie man das macht – „Druck ausüben“. Von 1993 an saß er selbst zehn Jahre lang als ehrenamtlicher Bürgermeister in dem Büro, in dem er jetzt Forderungen stellt. „Viele Menschen sprechen mich heute noch mit Bürgermeister an“, sagt Gujjula, der bis zum vorigen Jahr ehrenamtlicher Ortsvorsteher in Altlandsberg war. Seine politische Bedeutung hat heute allerdings abgenommen, für die SPD sitzt er nicht mehr im Landtag, nur noch im Kreistag. Aber seine Motivation ist so groß, dass er Gabriele, seine Frau in zweiter Ehe, ermutigt hat, sich in der Politik zu beweisen. Seit einem Jahr ist sie Stadtverordnete. 

Als geborener Inder in Deutschland Bürgermeister werden – das war in den Neunzigern eine Sensation. Offiziell war er zu dem Zeitpunkt schon Deutscher, aber viele Menschen sahen weiterhin einen Ausländer in ihm. Die Staatsbürgerschaft brauchte er, um sich für die Kandidatur zu qualifizieren. Sogar die New York Times berichtete über die Wahl zum Bürgermeister, vierspaltig mit einem Foto und einer Karte Deutschlands, auf der die ehemalige Grenze eingezeichnet war. Der Titel: „If Germany Has a Fever, Can This Doctor Help?“ Wenn Deutschland Fieber hat, kann dieser Arzt helfen? Gemeint war der Rassismus.

Eine Sensation war seine Wahl schon deshalb, weil kaum etwas darauf hindeutete, dass ihm eine Karriere in Ostdeutschland vorschwebte. Im Jahr 1973, mit 19 Jahren, kam Gujjula aus dem indischen Hyderabad in die DDR, um Medizin zu studieren. Das Freundschaftskomitee DDR-Indien hatte das möglich gemacht, auch im blockfreien Indien gab es eine kommunistische Partei. Indien hatte mit verschiedenen kommunistischen Staaten diplomatische Beziehungen aufgenommen.

Gujjula nahm an einem Deutschkurs in Leipzig teil, als ihm zufällig Ulrike über den Weg lief, zu dem Zeitpunkt noch Schülerin. Am Bahnhof tauschten sie Adressen aus. Erst Fernbeziehung, dann kam das erste Kind auf die Welt, später studierten sie beide an der Humboldt-Universität in Berlin, sie Landwirtschaft, er Medizin. Nach der Ausbildung, im Jahr 1982, zogen sie nach Altlandsberg in der Nähe Berlins. Sie freuten sich über ihre neue Wohnung mit Zentralheizung, und Gujjula fing als Arzt im Kreiskrankenhaus der Kleinstadt an. 1983 wurde das zweite Kind geboren, und sie heirateten.

Der Brief, der den Job kostete

Kurz bevor die DDR zusammenbrach im Jahr 1989, schien für Gujjula ein Lebenstraum zu platzen. Einer Frau von der Gewerkschaft war aufgefallen, dass Gujjula politische Vorträge hielt und Geld für gute Zwecke sammelte. Sie schlug ihn als Kandidaten für die Kommunalwahlen in Strausberg bei Berlin vor. Weil er länger als fünf Jahre in der DDR gelebt hatte, konnte er trotz seines indischen Passes gewählt werden. Doch der Kreiswahlleiter, so erzählt es Gujjula, habe die Unterlagen nicht angenommen, sondern gefragt: „Wie viele Ausländer wohnen in Altlandsberg?“
„Nur ich.“
„Und wessen Interessen wollen Sie dann vertreten?“

Aus Gujjulas Wahl wurde nichts.

Daraufhin habe er einen wütenden Brief an Egon Krenz, dem zweiten Mann nach Honecker und Leiter der Zentralen Wahlkommission, geschrieben. „Ich wollte meinen Frust loswerden, ich wollte sagen, dass das scheiße ist.“ Das Wahlsystem kritisierte Gujjula ebenfalls. Demokratie? Nicht in der DDR.

Wenige Tage, nachdem er den Brief abgeschickt hatte, habe ihn sein Chefarzt zu sich gerufen, erzählt Gujjula. „Deine Arbeit ist zu Ende“, habe der Chef gesagt. Gujjula war verzweifelt, niemand in der DDR würde ihn noch beschäftigen. So lieh er sich Geld und flog mit seinem Sohn und seiner deutschen Couchgarnitur nach Indien, um herauszufinden, ob es dort eine Zukunft für ihn und seine Familie geben könne. Sein Vater, ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter, sagte: „Du bist Gast in der DDR.“ Doch Gujjula war längst nicht mehr nur Gast in einem fremden Land, sein Leben war inzwischen ein DDR-Leben. Das spürte er in Indien deutlicher denn je. Gujjula flog nach fünf Monaten zurück, zog wieder nach Altlandsberg. Dann fiel die Mauer, das war sein großes Glück.

Früher Feierabend ist für ihn ungewohnt.
Ein Wendegewinner

Die Wahlen vom Vorjahr wurden annulliert und 1990, im Jahr der Einheit, wiederholt. Diesmal durfte er kandidieren. Ravindra Gujjula wurde Stadtverordneter, das ist er bis heute. Kurz darauf eröffnete er seine Arztpraxis. Seitdem ist er beides zugleich, Landarzt und Lokalpolitiker. Das gehe oft ineinander über. „Viel Sprechtherapie“, sagt er. Während der vier bis fünf Hausbesuche am Tag erfahre er auch, was falsch laufe in der Stadt.

Gujjula fährt zum Bäcker, hängt den Mantel über einen Stuhl und setzt sich. Links und rechts tauchen viele Bekannte auf, die er mit Winken und Lächeln grüßt. Er sitzt da wie einer, der auf ein Gefühl keinesfalls verzichten kann: gebraucht zu werden. Gujjula sagt: „Hier werde ich sehr geliebt, beinahe verehrt.“

Ravindra Gujjula will arbeiten, bis er 70 ist, mindestens. Er sagt: „Und wenn ich als Arzt arbeite, habe ich die anderen Sachen auch an der Backe.“ Die anderen Sachen, das sind die Politik, das Händeschütteln, das verständnisvolle Nicken, all die Gesten der öffentlichen Aufmerksamkeit. Am nächsten Tag steht eine Beerdigung an, am Abend ein 80. Geburtstag. Danach fährt er für eine Woche an die Ostsee. Urlaub. Doch nach zwei Tagen bricht er die Reise ab und kehrt zurück. Die Coronakrise hat Deutschland im Griff, und Gujjula steht wieder in seiner Praxis. Im Urlaub wäre er einer unter vielen, hier kann er sich beweisen.

Tobias Hausdorf

Joris Felix

Tobias Hausdorf kennt Ravindra Gujjula noch als Bürgermeister, weil er in Altlandsberg aufgewachsen ist. Joris Felix und er haben eine Nacht und einen Tag dort verbracht und den Arzt im Rathaus getroffen. Weil sich die Coronakrise verschärfte, begleiteten sie ihn am nächsten Tag nicht mehr zur Beerdigung und Geburtstagsfeier.